Geschichte der Juden in Mannheim

Zerstörungen, Verfolgungen und Erinnerungen

 

Unter der Hakenkreuz - Mannheimer Schloss 1935

 

Synagogen nach der Kristallnacht 10.11.1938

Hauptsynagoge

Klaussynagoge

 

Bereits 1933 wurde die Hauptsynagoge von SA-Männern heimgesucht. Die Gestapo überwachte die Gottesdienste. Am 10.11.1938 begannen SA-Leute um sechs Uhr morgens mit ihrem Zerstörungswerk. Mit Sprengstoff setzten sie das Gebäude in Brand. Die hinzugeholte Feuerwehr beschränkte sich darauf, die Ausdehnung des Brandes auf die umgebenden Grundstücke zu verhindern. Was vom Feuer verschont blieb, wurde zerschlagen. Die Ruine erlitt im Verlauf des Krieges weitere Zerstörungen. 1945 übernahm sie die "Jewish Restitution Successor Organization" (JRSO).

Die ausgebrannten Mauern blieben 17 Jahre stehen. Ein Plan, in der Ruine einen Betsaal für die kleine Nachkriegsgemeinde einzubauen, scheitete ebenso wie der Versuch, die Ruine als Gedenkstätte zu erhalten. Im Dezember 1955 wurde sie abgerissen.

Einige Steine sind als Erinnerungsstücke erhalten. Einen Marmorstein mit Vergoldungen ließ Rabbiner Dr. Grünewald in seine Gemeinde in Millburn/New Jersey bringen und in die Erinnerungswand der Synagoge einbauen. Weiteren Steine sind im Foyer des Gemeindezentrums F 3 zu sehen. Im Eingangsbereich des heutigen Wohnhauses F 2, 13 erinnert eine Gedenktafel an die jüdische Geschichte dieses Ortes.

 
Juden nicht Erlaubt

Vertreibung jüdischer Badegäste 1935

Anzeige 1935

 

Der Boykott vom April 1933 war der Auftakt antijüdischer Maßnahmen der neuen „Machthaber“. Die Neue Mannheimer Zeitung berichtet am 1.4.1933: "Die Breitestraße und die Planken waren von diesem Zeitpunkt ab überfüllt von Menschen. Die meisten jüdischen Geschäfte hatten heute morgen überhaupt nicht mehr geöffnet. Der Rest schloß noch vor 10 Uhr. Durch Plakatträger wurde die Mannheimer Bevölkerung aufgefordert, nur bei deutschen Geschäftsleuten zu kaufen. Trupps überklebten die Schaufenster christlicher Geschäfte mit roten Streifen, die mitteilten, daß es sich hier um deutsche Läden handele. Auf die Schaufenster von jüdischen Firmen wurde ein schwarz-gelber Zettel geklebt, auf dem die Worte: "Jüdisches Unternehmen" zu lesen waren.“ Aktionen dieser Art wiederholten sich bis November 1938. Juden wurden systematisch aus dem Wirtschaftsleben verdrängt.

Durch staatliche Gesetze wurden ihre Grundrechte aufgehoben. Das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" brachte die jüdischen Beamten um ihren Beruf, die Zulassungen für Ärzte, Rechtsanwälte und Studenten und Schüler wurden mehr und mehr eingeschränkt. Die Nürnberger Gesetze schlossen 1935 die deutschen Juden von der "Reichsbürgerschaft" aus. Eheschließungen und Beziehungen zwischen Juden und "Ariern" wurden als "Rassenschande" unter Strafe gestellt.

Die Stadtverwaltung stellte jeglichen Umgang mit Juden ein. Aus den Büchereien und Sammlungen wurden missliebige Bestände entfernt, jüdische Straßennamen entfernt. Juden wurden angepöbelt und bedroht. Eine der schwersten Ausschreitungen war der Überfall auf das Rheinbad Herweck, das die Nazis "Judenaquarium" nannten. Die jüdischen Badegäste wurden bei diesem Überfall gedemütigt und misshandelt. Als letztes öffentliches Bad musste auch das Herweckbad 1935 das Schild "Juden hier unerwünscht" anbringen.

 
Deportation

22./23. Oktober 1940

22./23. Oktober 1940

 

Am Morgen des 22.10.1940 erschienen Polizisten in den Wohnungen von etwa 2000 Mannheimer Juden und forderten die fassungslosen Menschen zum Packen auf. Nur die Mitnahme von 50 kg Gepäck und 100 Reichsmark waren erlaubt. Vom Hauptbahnhof fuhren die ersten Züge noch am selben Tag ab.

 
Lager Gurs

Lager Gurs 1940

Beim Essen 1941

 

Über 6500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland wurden in das Internierungslager Gurs deportiert. Es bestand aus einem eingezäunten, schlammigen Gelände. Entlang der 1,8 km langen Lagerstraße standen die Baracken. Die überwiegend alten Leute litten unter der Kälte, dem Schlamm und den unhygienischen Verhältnissen. Jegliche Einrichtung fehlte, die Bewohner schufen sich selbst provisorische Küchen und Krankenstationen. Die internierten Ärzte und Schwestern, allen voran Oberin Pauline Maier und Dr. Eugen Neter aus dem jüdischen Krankenhaus Mannheim, halfen, wo sie konnten. Dennoch starben im Winter 1940/41 weit über 600 Menschen an Darmerkrankungen und Unterernährung.

Ein Teil der Internierten wurde in kleinere Nebenlager verlegt. Ältere Deportierte kamen nach Noé, Familien mit Kindern überwiegend nach Rivesaltes, behinderte Menschen nach Récébédou. Weitere Nebenlager waren bei Nexon und Vernet. Verschiedene Hilfsorganisationen bewirkten, dass ein Teil der Kinder aus den Lagern gerettet und in Heimen untergebracht wurde.

Alle anderen erwartete der Tod. Vom März 1942 bis in den Herbst 1943 gingen Transporte von den südfranzösischen Lagern über Drancy bei Paris in die Konzentrationslager des Ostens, meist nach Auschwitz und Lublin-Majdanek. Die Mehrzahl der Deportierten wurden gleich nach der Ankunft in Auschwitz in Gaskammern ermordet.

 
       
Mahnmal in Mannheim

2004

2004

 

Im November 2003 wurde das Mahnmal in den Planken vor P 2 enthüllt. Die Gedenkskulptur nach dem Entwurf des Freiburger Bildhauers Jochen Kitzbühler ist ein leicht schräg gestellter gläserner Würfel, dessen vier Seitenflächen mit den über 2200 Namen der Mannheimer jüdischen Opfer beschriftet sind. Sie sind nach außen seitenverkehrt angebracht und daher lesbar, wenn man in den Würfel hineinblickt.

Die Idee, die Namen der Mannheimer Opfer zu sammeln um ihrer würdig zu gedenken, entstand 1990 in einer Jugendgruppe des Projekts „Spurensuche“. Beiträge zur Entstehung des Denkmals sowie die Namen der Opfer sind im Buch von Hans-Joachim Hirsch: „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen“ veröffentlicht. Die Namen der Opfer können in der Homepage der Stadt Mannheim www.mannheim.de unter dem Stichwort Mahnmal eingesehen werden.

 
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